Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!

Theaterrezension zu „Faust. Der Tragödie erster Teil.“ –  Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Hasko Weber

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.“ (Zueignung) „Welche Gestalten?“, mag man sich wohl fragen. Na warte, Gretchen, Mephisto und Faust.

Genau, „Faust“ – oft zitiert, ausführlich im Unterricht behandelt und unzählige Mal auf deutschen Bühnen aufgeführt. Doch weshalb verliert dieses Drama – das vor mittlerweile 210 Jahren veröffentlicht wurde – bis heute nicht an Relevanz? Dies zeigt Hasko Webers moderne Inszenierung des klassischen Meisterwerks am 20. Oktober im Deutschen Nationaltheater Weimar.

Mit „Faust“ schuf Johann Wolfgang von Goethe ein Drama, das sich mit dem Scheitern des umfassend gebildeten Doktors Heinrich Faust auf der Suche nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Nacht), beschäftigt. Der Drang nach überirdischer Erfüllung seiner Gelüste treibt ihn in seiner Verzweiflung geradewegs in die Arme des Teufels. Mit dieser Begegnung nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Doch so klassisch, wie man sich den Faust vorstellt, erscheint er nicht in Webers Inszenierung. So verläuft der Prolog im Himmel, wider dem Original, nicht zwischen dem Herrn und Mephisto, sondern an Stelle Gottes erschien Faust, der im Drogenrausch von diesem Dialog träumt. Die Passagen des Herrn werden Faust zugewiesen und stellen ihn mit Gott gleich – eine gewagte interpretatorische Leistung, die sich ausgezahlt hat.

Doktor Heinrich Faust – ein Mann mit Problemen? Das steht nach der ersten Szene außer Frage. Faust, gespielt von Lutz Salzmann, liegt „panisch vor Angst, dem Moment des Verweilens nicht entrinnen zu können“[1], auf dem Boden.  Faust verkörpert treffend den „Protagonisten der Moderne“.[2] Doch leiten ihn sein Drogenproblem und die Frage „Bin ich Gott?“ stringent durch die gesamte Aufführung und geradewegs in die Arme des Teufels, Mephistopheles, welcher von Sebastian Kowski trotz des gewagten Kostüms grandios gespielt wird. Pinke Stiefel, Plüschbademantel und Cowboyhut stellen den Teufel, entgegen der Erwartungen an sein Äußeres, in ein frisches Licht. Dem Pathos, den Goethe dieser Rolle verlieh, konnte Kowski in einzigartiger Weise gerecht werden und für den einen oder anderen Lacher im Publikum sorgen. Eine moderne, sarkastische Rolle, die den Originalcharakter Goethes mit zeitgenössischen Aspekten vereint, sorgte am Ende des Abends für großen Beifall.

Eine weitere auf schauspielerischer Ebene begeisternde Rolle war die der Nachbarin Marthe. Nadja Robiné faszinierte durch die leidenschaftliche Auslegung ihrer Rolle. Neben der Marthe spielte sie ebenfalls die lustige Person im Vorspiel auf dem Theater, eine Nebenfigur in der grandiosesten Szene, der Hexenküche, sowie einige weitere nebensächlicher Figuren des Bürgertums. Diesen unterschiedlichen Rollen wurde sie insofern gerecht, dass sie vielseitige Charakterzüge überzeugend spielte und dadurch glänzte.

Die Interpretation des Wagners gestaltete sich ebenfalls gewagt, ist jedoch im Vergleich zu den anderen Rollen nicht perfekt gelungen. Wagner trat als Drogendealer des Faust auf, was jedoch besser in das Stück passt als sein übertriebener, an Jorge Gonzales erinnernder Sprachstil. Da der Text durch diesen spanischen, schnellgesprochenen Akzent schwer verständlich war, hätte intensivere, sinnhaftere Gestik vom Schauspieler ausgehen sollen, damit die Handlung und der Inhalt seiner unverständlichen Worte durch seine Gestik besser verstanden werden kann.

Den vielschichtigen und abwechslungsreichen Charakteren des Originals wurde der Regisseur Hasko Weber in seiner modernen Auslegung dennoch gerecht. Für den Zuschauer bereitete er Goethes Lebenswerk verständlich auf, lässt aber durch seine zum Teil offene Darstellung Interpretationen des Publikums zu. An mancher Stelle waren intensives Nachdenken und Verknüpfen der bekannten Inhalte notwendig, was den Theaterbesuch zu einem unvergesslichen Erlebnis machte.

Mit seiner Inszenierung schaffte Hasko Weber eine moderne, das Publikum begeisternde Version des deutschen Klassikers Faust. Die Inszenierung scheint nicht an Glanz zu verlieren, denn es hieß bereits zum 100. Mal „Da steh ich nun, ich armer Tor“ (Nacht). Die Aufführung endete mit einem verdienten, großen Applaus.

Jonas Groening

[1] Seidel, Beate: Und Fluch vor allen der Geduld. Zum Stück, in: Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar GmbH (Hrsg.):
Faust. Der Tragödie erster Teil, Weimar, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar GmbH, 2013, S. 5- 11.

[2] Ebd.
Bild: wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/; Datei:Deutsches_Nationaltheater_Weimar.jpg